Zum Abschied lauter Widerspruch

Der französische Philosoph Michel de Montaigne sagte einst: „Ein Abschied verleitet immer dazu, etwas zu sagen, was man sonst nicht ausgesprochen hätte.“  Im besten Fall kann das zu leidenschaftlichen Gefühlsbekundungen oder einem erst lang verschwiegenem und dann doch ausgesprochenem Lob führen, in anderen Fällen zu Aussagen wie sie am vergangenen Samstag in den „Lübecker Nachrichten“ zu lesen waren.

Unser scheidender Schulleiter Herr Bähr äußerte sich dort in einem Artikel über die unterschiedlichen Bildungslaufbahnen von Jungen und Mädchen. Während seiner Zeit als Schulleiter habe er festgestellt, dass letztere „manchmal in der Oberstufe, wenn es um kritisches Denken geht, an ihre Grenzen“ stießen. Diese Erfahrung stellte er derer gegenüber, die er mit Jungen gemacht habe: Bei diesen könne in der Oberstufe noch „der Knoten“ platzen und sich „plötzliche Begabungen zeigen“.

Wohlwollend könnte man diese Aussagen wohl unter „schlechter Abgang“ verbuchen. Doch darum soll es nicht gehen, denn es ist weit mehr als das. Es ist auch mehr als eine Beleidigung, die viele Schülerinnen tief verletzt und viele Mitglieder unserer Schulgemeinschaft sprachlos gemacht hat. Es sind Ansichten wie diese, laut ausgesprochen oder nur gedacht, die die Benachteiligung von Frauen in akademischen Kreisen im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen nicht nur zementieren, sondern gar zu rechtfertigen scheinen. Wer Frauen unterstellt, im Allgemeinen weniger zum kritischen Denken befähigt zu sein als ihre Mitschüler, der verbreitet ein aus den Fünfzigerjahren entliehenes Frauenbild, das besser dort geblieben wäre. Dabei sollte sich gerade der Schulleiter für die völlige Gleichstellung seiner Schülerinnen und Schüler einsetzen, mit veralteten Denkmustern aufräumen und Sexismus eine klare Absage erteilen, um zu verdeutlichen: An unserer Schule gibt es keine Pauschalisierungen und keine Vorurteile, ganz gleich welcher Art.

Andernfalls wird eine selbsterfüllende Prophezeiung in Gang gesetzt: Besonders jüngere Schülerinnen dürften den Ansichten des Schulleiters Glauben schenken und sich dann selbst für weniger intelligent, weniger geeignet für die Oberstufe halten. Und selbst Oberstufenschülerinnen könnten für eventuelle Schulprobleme viel eher ihr Geschlecht verantwortlich machen als zu versuchen, an sich selbst und den eigenen Fähigkeiten zu arbeiten. „Es sei heute wichtiger denn je“, so wird Herr Bähr indirekt von der LN zitiert, „bei Schüler-Laufbahnen den Hintergrund der Jugendlichen mit im Blick zu behalten“. Geschlecht als sozialer „Hintergrund“? Familienverhältnisse, finanzielle Situation, Herkunft, Freundeskreis, Gesundheit: All das kann einen Einfluss darauf haben, wie leistungsfähig wir sind. Das Geschlecht gehört nicht dazu. Mit solchen Märchen sollte man endlich aufhören.

Wahr ist hingegen, dass Mädchen schon lange bessere Noten erreichen als Jungen und seit kurzem auch höhere Schulabschlüsse machen. Jungen gelten mittlerweile als „Bildungsverlierer“, denn wie Studien zeigen, verbringen Mädchen wöchentlich mehr Zeit mit Hausaufgaben, lesen öfter und schätzen den Wert der Schule höher ein als ihre männlichen Altersgenossen. Es gibt also Handlungsbedarf, denn bei den Unterschieden in den Bildungskarrieren von Jungen und Mädchen handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem, mit dem X- und Y-Chromosomen jedoch nichts zu tun haben. Es ist vielmehr der Sexismus, der in unserer Gesellschaft noch immer tief verwurzelt ist und dafür sorgt, dass wir Mädchen und Jungen, Frauen und Männer unterschiedlich behandeln. Diese Erkenntnis ist zwingend notwendig, um daran etwas zu ändern.

Herr Bähr stellte seiner Aussage über die Fähigkeit junger Frauen, kritisch zu denken, die Feststellung nach, „Gleichstellungsbeauftragte oder Feministinnen“ könnten ihm das „um die Ohren hauen“. Feststeht jedoch, dass ihm nicht nur die Empörung von „Feministinnen“ und „Gleichstellungsbeauftragte[n]“ sicher ist. Um sexistische Denkmuster zu verurteilen und für die Gleichbehandlung von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen, an Schulen und Universitäten einzutreten, muss man kein*e Feminist*in sein. Es reicht schon zu glauben, dass das Geschlecht, mit dem man geboren wird, nicht über die eigenen Fähigkeiten entscheidet.

Aussagen, wie sie in den „Lübecker Nachrichten“ zu lesen waren, sollten also nicht einfach weggelächelt oder mit fadenscheinigen Argumenten gerechtfertigt oder entschuldigt werden. Wer viele Jahre Schulleiter war, sollte sich im Klaren darüber sein, welches Gewicht die eigenen Worte haben und wie viele Schüler*innen sie sich zu Herzen nehmen. Gerade deshalb muss man laut protestieren, wann immer sich sexistische Tendenzen wie diese bemerkbar machen, und sei es zum Abschied. Denn: Egal wann, egal von wem und in welchem Kontext: Sexismus ist nie akzeptabel. Wir, die wir uns empören, sollten uns also auch vom Abschied verleiten lassen, Dinge zu sagen, die wir sonst vielleicht nie ausgesprochen hätte: dass wir enttäuscht sind, beleidigt, wütend, verletzt und – dass wir uns von Herrn Bähr eine Entschuldigung wünschen.

gezeichnet

Zoe Reitt (Q2)

Gretchen Rupf (Q2)

Maja Wohlgemuth (Q2)

Marvin Koscielny (Q2)

Aya Maki (Q1)

Angelina Grauerholz (Q2)

Lenja Ziske (Q2)

Nele Rose (Q2)

Lucy Pirk (Q2)

Luna Rothenburg (Q2)

Antonia Voß (Q2)

Nimoe Garbrecht (E)

Jasmin Liebich (9)

Stella-Maria Wahle (Q2)

Rabea Witt (Q2)

Hanna Borchers (Q2)

Fine Hartwich (Q2)

Stella Wieck (Q2)

Amelie Henkel (Q2)

Nele Zurlage (Q2)

Chiara Schwarz (E)

Kira Anders (Q2)

Tjara Grozev (Q2)

Frieda Reitt (Q2)

Bennet Geerke (Q1)

Lea Wonerow (Q2)

Jonna Hagge (Q2)

Lars Moeller

Eine Antwort auf „Zum Abschied lauter Widerspruch“

  1. Toll!!! Eine super Reaktion auf den Artikel in den LN über den Abschied von Herrn Bähr.
    Und vor allem: Respekt für diesen Artikel – sowohl der Inhalt als auch der Schreibstil beeindrucken mich.
    Ich bin sehr froh, dass Sie diese Aussagen nicht kopfschüttelnd oder wütend hingenommen haben, sondern sich selbstbewusst und kritisch damit auseinandersetzten.
    Das macht mir Mut!

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