Einstieg

Man sagt häufig, dass Deutsch eine Sprache ist, die sehr lange Wörter hat. Dies ergibt z. B. für jemanden, der nur Englisch spricht, auch Sinn: Während in Englisch meistens Kombinationen von zwei Wörtern nicht zusammengeschrieben werden, außer bei manchen Wörtern wie treehouse, können sich Wörter im Deutschen sehr stark anhäufen. So wäre ein Wort wie Fußgängerstreifen, Fuß + Gänger + Streifen, komplett normal im Deutschen, aber bei pedestriancrossing müsste man pedestrian und crossing trennen – pedestrian crossing.

Dass man Kombinationen von Wörtern zusammenschreibt, ist nichts Innovatives und Deutsch ist bei weitem nicht die einzige Sprache, die das tut. Aber was, wenn man so viel in ein einziges Wort reinpackt, dass die meisten anderen Sprachen SÄTZE brauchen, um dasselbe auszusagen?

Genau das machen polysynthetische (poly – Altgriechisch polús „viel“ + synthetisch – Altgriechisch sunthetikós „Zusammenführung“) Sprachen, wie die Sprachfamilie Yupik.

Analytisch und synthetisch: Morpheme

In der Linguistik werden grundsätzlich drei Arten von Sprachen unterschieden: analytische, synthetische und polysynthetische Sprachen. Man redet auch von Morphemen:

„Morphem ist ein Fachausdruck der Linguistik für die kleinste Spracheinheit, die eine identifizierbare Bedeutung oder grammatische Funktion hat.“ – Wikipedia

Was bedeutet das aber nun? Gucken wir uns die Wörter Wald und Waldameise an. Was ist die kleinste Unterteilung, die man bei denen machen könnte? Das Wort Wald können wir nicht unterteilen, d. h. das Wort besteht aus einem Morphem. Waldameise hingegen ist unterteilbar – Wald ist ein Morphem, ameise ist auch ein Morphem. Es müssen nicht unbedingt Teile sein, die alleinstehen können. Tische besteht aus zwei Morphemen, da das e eine grammatische Funktion aufweist – es markiert in diesem Fall den Plural.

Jetzt können wir die Begriffe analytisch, synthetisch und polysynthetisch erklären.

Bei analytischen Sprachen gilt oft: Jedes Wort hat meistens nur ein Morphem. Diese Sprachen haben grundsätzlich keine oder fast keine Flexion (das Verändern eines Wortes, um grammatische Funktionen anzuzeigen). Viele dieser Sprachen setzen meistens auch keine Wörter zusammen.

Chinesisch ist dabei ein gutes Beispiel:

我的猫想吃
Wǒ de māo xiǎng chī yú

Ich-possessiv-Katze-wollen-essen-Fisch
„Meine Katze(n) will/wollen Fisch essen“

So steht ein Schriftzeichen im Chinesischen meistens für ein Morphem. Auch hat Chinesisch so gut wie keine Flexionen.

Bei synthetischen Sprachen dagegen bestehen Wörter meistens aus mehreren Morphemen. Diese Sprachen besitzen grundsätzlich Flexionen und setzen Wörter aus anderen zusammen.

Dabei unterscheidet man auch zwischen agglutinierenden (agglutinare – Latein für ankleben, davon kommt auch das englische Wort glue!) Sprachen und fusionalen Sprachen. Agglutinierende Sprachen setzen Wörter aus vielen Morphemen zusammen, die immer oder meistens dasselbe bedeuten, d. h. man kann jedem Morphem eine klare grammatische Funktion zuweisen. Beispiele dafür sind Finnisch, Japanisch und Ungarnisch:

Finnisch
taloissani
talo-i-ssa-ni

Haus-plural-in-erste Person singular possessiv
„In meinen Häusern“

Japanisch:
食べられなかった
taberarenakatta
tabe-rare-na-katta

essen-passiv-negativ-Vergangenheit
„wurde(n) nicht gegessen“

Bei fusionalen Sprachen stehen Morpheme meist für verschiedene Bedeutungen und man muss somit mehr auf den Kontext achten. Beispiele dafür sind Spanisch, Russisch und auch Deutsch – unsere Sprache!

Spanisch:
comí
Das í in diesem Fall steht nicht nur für eine einzige, bestimmte grammatische Funktion, sondern sagt uns auf einmal, dass 1. es um die erste Person geht, 2. wir uns im Singular befinden, 3. es sich in der Vergangenheit abspielt und 4. es indikativ ist. Somit heißt comí „ich aß“.

Vergleicht man das mit dem Japanischen 食べた tabeta, steht das tabe für essen und das ta für die Vergangenheit. D. h. das ta steht immer für dasselbe. Da Japanisch nicht die Person markiert, kann außerdem tabeta für die allgemeine Aktion stehen, in der Vergangenheit gegessen zu haben – im Spanischen wäre es schwieriger, dies auszudrücken. Im Deutschen kann man dies mit gegessen zu haben umschreiben, man kommt aber nie direkt an die eigentliche Bedeutung heran.

Im Deutschen können wir sehen, dass das e in esse sagt, dass wir uns in der ersten Person Singular befinden und dass es im Präsens stattfindet. Somit hat ein einziges Morphem zugleich mehrere Bedeutungen.

Polysynthetisch

Jetzt, da uns die Begrifflichkeiten (hoffentlich) ein bisschen klarer geworden sind, wenden wir uns endlich den polysynthetischen Sprachen zu, die den Begriff „Synthese“ zu einem sehr extremen Grad bringen.

Bei diesen Sprachen haben Wörter sehr viele Morpheme – was uns direkt zum Wort tuntussuqatarniksaitengqiggtuq bringt: was bedeutet dieses Wort alles, was sagt es aus?

Das Wort in Frage kommt aus einer Sprache der Sprachfamilie Yupik – eine Sprachfamilie mit 5 angehörigen Sprachen, die in Ostrussland bzw. Alaska von deren Ureinwohnern gesprochen werden. Sie setzen Wörter zusammen, indem sie einen Stamm haben und viele Suffixe zufügen.

Gucken wir uns an, woraus tuntussuqatarniksaitengqiggtuq besteht:

tuntussuqatarniksaitengqiggtuq
tuntu-ssu-qatar-ni-ksaite-ngqiggte-uq

Rentier-jagen-Zukunft-sagen-negativ-nochmal-dritte singular indikativ
„Er hat nicht nochmal gesagt, dass er Rentiere jagen geht.“

Dabei ist tuntu das einzige Morphem, was alleine stehen kann. Die anderen, zum Beispiel ssu oder ksaite gibt es in Isolation nicht (vergleichbar mit dem e in Tische).

Man kann sehen, wie kompakt polysynthetische Sprachen sein können – für das, was ein Wort in so einer Sprache aussagen kann, braucht man einen ganzen Satz in anderen Sprachen.

Lassen sich Sprachen aber wirklich immer perfekt einteilen?

Menschliche Sprache ist komplex. Da denken sich manche wahrscheinlich schon: „Stimmt es aber wirklich, dass jede Sprache in eine der Kategorien passt?“

Die Antwort dazu: nein.

Nur wenige Sprachen lassen sich perfekt einteilen. Japanisch kann zwar viel in nur einem Verb aussagen, ändert aber grundsätzlich nie was an Nomen – heißt, Japanisch behandelt seine Verben synthetisch, aber Nomen analytisch.

Englisch ist ebenfalls hauptsätzlich analytisch, da es – im Vergleich zu anderen indo-europäischen Sprachen – eher wenige Inflektionen und Morphologie hat. Jedoch bestehen sehr viele Wörter aus mehreren Morphemen: un|break|able. amaz|ing. un|respect|able.

Deutsch dabei ist eine Sprache, die sich recht gut einteilen kann, also ist es nicht so, dass man bei jeder Sprache zweifelt, welcher Kategorie sie angehört.

Ein weiteres Beispiel für eine Sprache, die sehr schwierig einzuteilen ist, ist Navajo: Die Verben sind sehr komplex, die Nomen hingegen können sich grundsätzlich überhaupt nicht ändern – vergleichbar mit Japanisch.

In Navajo konjugieren Verben nach 4 Personen, 3 Zahlen, vielen Themen, 7 Modi, 11 Aspekte, 10 Subaspekte, und nach vielem mehr (wie zum Beispiel, ob ich dir ein flaches Objekt oder ein kugelförmiges Objekt gebe). Das verdient aber dann seinen eigenen Artikel, da dieses System zu komplex ist, um hier beschreiben zu können.

Fazit + Weiteres

Hauptinformationen: Man unterscheidet in der Linguistik drei Arten von Sprachen, analytische, synthetische und polysynthetische Sprachen. Bei analytischen Sprachen setzen sich Wörter meist aus nur einem Morphem zusammen – ein Morphem ist dabei ein Baustein, aus dem alle Wörter bestehen, es enthält grammatische Funktionen oder Bedeutungen. Synthetische Sprachen setzen Wörter aus Morphemen zusammen und polysynthetische Sprachen kombinieren so viele Morpheme in ein einziges Wort, dass Sprachen wie Deutsch einen ganzen Satz benötigen würden, um dasselbe auszusagen.

Wir haben gelernt, dass das Wort tuntussuqatarniksaitengqiggtuq so etwas wie „Er hat nicht nochmal gesagt, dass er Rentiere jagen geht.“ bedeutet. Dabei kommt es aus einer Sprache der Sprachfamilie Yupik, die in Ostrussland / Alaska gesprochen wird. Yupik ist ein häufig-benutztes Beispiel der Polysynthese.

Weiteres (falls du dies interessant fandst und dich mehr informieren willst bzw. über etwas nachdenken willst)

1. Vergleiche das Chinesische mit dem Japanischen. Woran lässt sich erkennen, dass Japanisch seine Nomen eher analytisch und seine Verben eher synthetisch behandelt?

Chinesisch
我的猫想吃鱼
Wǒ de māo xiǎng chī yú

Ich-possessiv-Katze-wollen-essen-Fisch
„Meine Katze(n) will/wollen Fisch essen“

Japanisch
僕の猫は魚を食べたい。
Boku no neko wa sakana wo tabetai.

Ich-possessiv-Katze-Themenmarkierung-Fisch-Objektmarkierung-essen wollen
„Meine Katze(n) will/wollen Fisch essen“

2. Im Russischen steht das вид vid in видят vidyat für sehen und das ят yat für dritte Person plural. Welcher Kategorie würdest du Russisch dann eher zuordnen?
Betrachte danach бы видел by videl. Das бы by steht für würden und das ел el für dritte Person singular maskulin Vergangenheit. Würdest du aufgrund dieser Information Russisch dann eher anders zuordnen? Wieso oder wieso nicht?

Hier kannst du dich weiter informieren:

https://youtu.be/fGcEMQC-L-4 (und allgemein von diesem Kanal, wenn dich Linguistik interessiert! Du musst aber eine gute Kenntnis von Englisch haben.)

https://de.wikipedia.org/wiki/Polysynthetischer_Sprachbau

https://en.wikipedia.org/wiki/Polysynthetic_language (auf Englisch, hat aber mehr Informationen)

https://de.wikipedia.org/wiki/Yupik

https://en.wikipedia.org/wiki/Yupik_languages

Quellen

https://en.wikipedia.org/wiki/Yupik_languages

https://en.wikipedia.org/wiki/Polysynthetic_language

https://en.wikipedia.org/wiki/Agglutinative_language

https://en.wikipedia.org/wiki/Morpheme

https://en.wikipedia.org/wiki/Yupik_languages

https://en.wikipedia.org/wiki/Navajo_grammar

https://en.wikipedia.org/wiki/Synthetic_language

https://en.wikipedia.org/wiki/Fusional_language

https://en.wiktionary.org/wiki/polysynthetic

Foto: Bild von Arek Socha auf Pixabay

Von Darja

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