Die verborgene Seele – letzter Teil

Die verborgene Seele – letzter Teil

Irgendetwas weckte mich. Meine Augen versuchten sich aus der Dunkelheit zu lösen, dann öffneten sie sich. Das letzte, an was ich mich erinnern konnte, war, dass unser Haus ganz dunkel wurde und plötzlich alles verschwamm. Ich lag flach auf dem Boden und rappelte mich auf. „Wo bin ich?“, fragte ich mich. Immer noch zitternd stehend schaute ich nach vorne. Vor mir stand ein Haus, das mir irgendwie bekannt vorkam. Da wusste ich, wessen Haus es war. Das war unser Haus. Doch irgendwie sah es anders aus. Es war nicht alt und grau, sondern frisch gestrichen und mit Blumen an den Fenstern geschmückt.

Mit wackeligen Schritten lief ich auf die Eingangstür zu. Dort lag auf dem Boden eine Zeitung. Ich hob sie auf und las das Datum. Freitag, den ll.01.1930. 1930??? Wir haben das Jahr 1930? “ Ich konnte nicht glauben, was ich da gelesen hatte.

Ungläubig öffnete ich langsam die Eingangstür und ging in das Haus hinein. ,,Mama, Papa, Annabell? Seid ihr da?“ Ich bekam keine Antwort.

In dem Haus waren die gleichen alten Möbel vorhanden wie bei uns zuhause. Die Gänsehaut kroch mir schon überall hoch. Ich ging die Treppe hinauf in mein Zimmer und wollte wissen, wie es dort aussah. Mein Schreibtisch und meine Kommode existierten noch nicht, sonst sah alles gleich aus. Es stand auch alles an der gleichen Stelle. Sogar das alte Bild von dem Haus und dem Schuppen war da. Ich ging zum Bild und schaute es mir genauer an. Es erstrahlte in leuchtenden Farben und wirkte keineswegs alt. Auch der Schatten hatte sich aufgelöst.

Auf einmal hörte ich Schritte hinter mir. Ich drehte mich um und sah in das Gesicht der selben Frau, die auch mitten in Annabells Zimmer stand. Nur war die Frau jetzt keine Gestalt mehr, sondern Wirklichkeit.

Erschrocken ging ich ein paar Schritte zurück. „Wer sind sie und was machen sie hier in unserem Haus? Wo sind meine Eltern?“

Sie antwortete mit rauer Stimme: ,,Das gleiche könnte ich Dich fragen. Was machst Du in meinem Zimmer und was starrst Du mein Bild so an? Du hast hier nichts zu suchen. Oder willst Du wie alle anderen aus dem Dorf mir mein Haus wegnehmen_? Keiner bekommt mein Haus, keiner wird es mir je wegnehmen. Dafür werde ich sorgen. Ihr sollt alle verflucht sein!“

Sie drückte mich zur Seite, stellte sich vor das Bild, hielt ihre Arme nach oben und sprach in langsamen Worten:

„Erst wenn das Haus und

die Vergangenheit

sich binden, wirst du die Freiheit und die Seele

ihre Ruhe finden und

den Fluch überwinden.“

Ich riss ihre Arme nach unten, drehte sie zu mir herum und schrie sie an: „Neiiiiiinnn! Sie dürfen das nicht tun! Denken sie doch an meine Familie! Wir sind nicht wie die Leute aus dem Dorf. Wir glauben nicht an das Gerede. Alles1 was wir wollen, ist in Ruhe und Frieden in dem Haus zu wohnen. Bitte nehmen Sie den Fluch zurück und geben mir meine Familie wieder!“


Sie schaute mich wütend an, legte mir ihre Hand auf die Stirn und sprach in einer unverständlichen Sprache auf mich ein.

Die Stimme versetzte mich in eine Müdigkeit, gegen die ich nicht ankam. Ich verlor das

Bewusstsein.

Als ich aufwachte, war wieder alles beim Alten, ich lag in meinem Zimmer, mein Schreibtisch und meine Kommode standen an dem alten Platz. Und das Bild?

Das Bild hing immer noch an der Wand, doch der Schatten war nicht mehr zu sehen. Draußen schien die Sonne, als wäre nichts passiert.

Ich ging die Treppe runter und sah meine Eltern und Annabell völlig verstört am Tisch sitzen. Als sie mich sahen, sprangen sie von ihren Stühlen hoch und rannten auf mich zu. Mutter

und Annabell heulten, nur mein Vater fand Worte: ,,Finn! Du bist da. Geht es Dir gut? Es war alles so schrecklich.“

Sie erzählten mir von ihrer unfreiwilligen Reise in die Schattenwelt, die aus grauenvoller Angst bestand. Auch ich berichtete von meinem Erlebnis. Gemeinsam überlegten wir aus dem gruseligen Haus auszuziehen, da wir  nicht mit ständiger Angst und Furcht leben wollten.

Doch dann passierte etwas unvorhersehbares…

In der darauffolgenden Nacht hörten wir eine tiefe Stimme zu uns sagen: „

Ich habe fast  100 Jahre in diesem Haus gelebt. Mein Großvater und mein Urgroßvater haben·

schon in diesem Haus gewohnt. Ich wollte nicht, dass eine andere Familie Besitz von meinem

Haus und meiner Vergangenheit ergreift, deshalb habe ich euch monatelang Angst und

Schrecken eingejagt und wollte Euch aus dem Haus vertreiben. Doch jetzt habe ich eingesehen, dass Ihr eine liebevolle Familie seid. Darum lasse ich Euch in meinem  Haus mit meiner Vergangenheit leben.

Jetzt kann ich in Frieden gehen und meine Seele kommt mit mir.“

Plötzlich kam ein helles Licht und ein lauter Knall. Das letzte, was ich hörte, waren Schritte im Treppenhaus, die Haustür knarrte und fiel mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss.

Anmerkung: Das war jetzt der letzte Teil der Geschichte „Die verborgene Seele“ von Selina und Antonia. Mich und bestimmt auch Selina und Antonia, würde es freuen, wenn ihr ein kleines Feedback in den Kommentaren gebt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.