Sexismus geht uns alle etwas an! – Kommentar

Sexismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Egal ob am Arbeitsplatz, im Sportverein, unter Freunden oder Bekannten, in der Familie oder eben in der Schule. Sexismus kann sowohl Männern als auch Frauen widerfahren, auch wenn öfter Frauen als Männer betroffen sind. Sexismus meint also eine bewusste oder unbewusste Diskriminierung von Individuen oder Kollektiven basierend auf dem Geschlecht.

In welchen Formen tritt Sexismus auf?

Sexismus auf eine bestimmte Anzahl auftretender Formen zu reduzieren, ist unmöglich. Von struktureller Benachteiligung über alltägliche Diskriminierungen bis hin zu der Ansicht, dass die Privilegien eines bestimmten Geschlechts und damit ein System der Ungleichheit aufrecht erhalten werden sollte, ist alles als Sexismus zu klassifizieren. Auch, wenn insbesondere hinsichtlich struktureller Benachteiligung in den vergangenen Jahrzehnten ein großer gesellschaftlicher Wandel stattgefunden hat, sodass wir beispielweise momentan eine Bundeskanzlerin haben und Väter immer öfter Elternzeit nehmen, müssen sich insbesondere Frauen immer noch alltäglichen Sexismus gefallen lassen. Wenn also eine Frau weniger anerkannt und respektiert wird als ein Mann in gleicher Position, wenn man wie selbstverständlich davon ausgeht, dass eine Führungsposition ein Mann einnimmt und wenn Frauen bei offiziellen Gesprächen immer wieder unterbrochen werden, kein Blickkontakt zu ihnen aufgenommen wird und sie generell übergangen werden, dann sind das Beispiele für Alltagssexismus, mit denen ich ebenfalls Erfahrungen machen musste.

Häufig und besonders subtil ist auch das Phänomen, dass Frauen weniger ernst genommen werden als Männer. Ein wütender Artikel, in dem sich eine Frau über Sexismus empört, wird als vermeidbare „Enttäuschung“ kommentiert, an der die Frau letztendlich selbst Schuld sei. Daraus resultierend müssen Frauen für die gleiche Anerkennung oft deutlich mehr leisten als Männer. Ebenfalls verbreitet sind herabwürdigende Verniedlichungen wie „Maus“, „Puppe“ oder „Engel“, mit denen Frauen betitelt werden. Auch geht man in unserer Gesellschaft davon aus, dass Frauen sich ausschließlich für Männer kleiden oder schminken und ihre einzigen Sorgen ihr Äußeres oder ihre Außenwirkung sind. Auch damit musste ich bereits Erfahrungen machen, als ich beim Besuch einer Eisdiele mit einem Kurs auf ein Eis verzichtete und meine Lehrkraft dies mit „Ach, Zoe, auf Ihre Figur müssen sich jetzt aber wirklich nicht achten.“ kommentierte.

Auch häufig anzutreffen sind Leugner von Sexismus, meistens einhergehend mit Formulierungen, die als Affront gegen die Intelligenz der Frau verstanden werden sollen. Hat man als Frau also tatsächlich den Mut, Sexismus öffentlich auch als solchen zu benennen, wird man oft als Feministin mit einseitigem Weltbild, die die ganze Situation völlig falsch auffasst, abgestempelt. Menschen, die Sexismus leugnen, sind sich dessen meistens sehr genau bewusst und versuchen dann händeringend mit abwegigen Argumenten die sich empörende Frau als Lügnerin darzustellen. Aber sollten wir nicht gerade dann Frauen besonders ernst nehmen, wenn sie ihre Erfahrungen sogar öffentlich machen und damit die Verärgerung von Autoritätspersonen wie dem Chef, dem Lehrer oder dem Schulleiter in Kauf nehmen?

Falsche Anerkennung

Macht man als Frau auf Sexismus aufmerksam, so wird man meist zunächst mit unehrlicher Anerkennung überschüttet, damit man sich selbst in Frage stellt. Der Gedanke dahinter ist, die Frau zu verunsichern, sodass sie selbst hinterfragt, ob das was ihr widerfahren ist, wirklich Sexismus war, wenn sie doch jetzt so viel Zuspruch für ihre Arbeit erhält. Eine geniale Taktik, die es aber selbstverständlich zu durchschauen gilt. Auch messen Kritisierte dem Thema Sexismus und Feminismus dann meist eine große Bedeutung bei, damit es für Außenstehende so wirkt als hätten diese Themen ernsthafte Relevanz für sie.

Die Öffentlichkeit

Sexismus ist in den meisten Kreisen nicht mehr gesellschaftsfähig. Sexisten scheuen es also besonders, öffentlich als das angeprangert zu werden, was sie sind. Zum Glück lösen Fälle von Sexismus meistens nicht mehr nur große Empörung aus, sie sind durch Artikel 3 des Grundgesetzes auch juristisch relevant. Deshalb ist es so wichtig, Sexismus öffentlich zu thematisieren. Geht man als Frau nur persönlich auf diejenigen zu, von denen man sich unfair behandelt fühlt, so führt dies meist ausschließlich zu unehrlichen Entschuldigungen, nicht aber zu Änderung des Verhaltens oder der Gesamtsituation. Eine öffentliche Debatte hingegen wirkt Druck auf den Sexisten aus und stärkt gleichzeitig die Frau in ihrer Position. Und auch nur auf diesem Wege können sich Dinge ändern. Wie sollen andere sich über sexistisches Verhalten an einem Arbeitsplatz oder in der Schule empören, wenn sie gar nicht erst davon erfahren? Wie wollen wir langfristig als Gesellschaft umdenken, wenn Sexismus nicht immer wieder Thema des öffentlichen Diskurses, sowohl im Kleinen als auch im Großen, ist?

Erwartungen herunterschrauben

Leider hat selbst öffentlichkeitswirksame Empörung nicht immer die gewünschte Wirkung. Unabhängig davon wie eindeutig die Lage und wie sachlich die Argumente sind, darf man nicht mit einer öffentlichen Entschuldigung oder einem Eingeständnis von Fehlern rechnen. Viel eher wird versucht werden, die kritische Auseinandersetzung mit sexistischem Verhalten zu unterbinden, egal, ob die Institution, die den Schauplatz der Auseinandersetzung darstellt, ansonsten täglich demokratische Grundwerte predigt und sich Courage auf die Fahnen schreibt. Davon darf man sich jedoch nicht entmutigen lassen, da es bei einem solchen Diskurs eher weniger um die Bekehrung eines Sexisten, sondern vielmehr um die Debatte, die dadurch ausgelöst wird, geht. Ich kann versichern, dass es an jedem Arbeitsplatz Kollegen und Kolleginnen, in jedem Sportverein Trainer und Trainerinnen und an jeder Schule Lehrer und Lehrerinnen sowie Mitschüler und Mitschülerinnen gibt, die von Sexismus ebenso sehr entsetzt sind wie man selbst und die einen in dem, was man tut, bestärken und unterstützen werden.

Empört euch alle!

Egal ob Mann oder Frau, alt oder jung, von Sexismus betroffen oder bisher verschont geblieben: Empört euch alle! Glaubt Frauen, die von unfairem Verhalten berichten, unterbrecht Männer, die Frauen unterbrechen, und stellt euch schützend vor diejenigen, die über weniger Macht verfügen als ihr selbst. Frauen sind zwar in Deutschland gleichberechtigt, aber noch lange nicht gleichgestellt! Diskutiert, nennt Probleme beim Namen und weist immer wieder auf Sexismus hin, sowohl postwendend als auch in den Medien. Wenn ihr über eine Plattform verfügt, dann nutzt sie, um auf falsches Verhalten hinzuweisen und es zu verurteilen. Ja, es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass mächtige Sexisten ihre Macht sowohl gegen Opfer von Sexismus als auch gegen Verteidiger von Opfern ausnutzen, aber von diesen Menschen darf man sich nicht den Mund verbieten lassen. Auch ich musste mein persönliches Glück gegen meine Überzeugungen und meinen Kampf gegen Sexismus abwägen. Letztendlich bin ich zu der Entscheidung gelangt, dass wir alle, auch ich, persönliche Opfer bringen müssen, wenn wir langfristig eine Veränderung erwirken möchten. Mir ist bewusst geworden, dass ich, wenn ich in fünf Jahren auf den heutigen Tag zurückblicke, mir niemals hätte verzeihen können, das was mir passiert ist, unkommentiert zu belassen. Und wenn wir alle nur einen kleinen Beitrag leisten, dann wird sexistische Diskriminierung jeglicher Art bald der Vergangenheit angehören.

Anmerkung: Auch, wenn ich hier hauptsächlich Frauen als Opfer von Diskriminierung thematisiere, ist dies meiner persönlichen Erfahrung geschuldet und mindert nicht den Sexismus, den teilweise auch Männer erfahren, und den es ebenso zu bekämpfen gilt.

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