#wirbleibenzuhause: Literaturempfehlungen Teil 4

Für diesen Artikel habe ich drei Bücher vorbereitet, von der ich der Meinung bin, dass jeder sie gelesen haben sollte. Nicht, dass die Bücher der anderen Artikel nicht ebenfalls lesenswert und wichtig wäre, aber die folgenden drei Werke lassen sich alle als Warnung lesen: Als Warnung vor dem, was passieren könnte, wenn wir Demokratie und Menschenrechte nicht um jeden Preis beschützen.

Wer die Nachtigall stört von Harper Lee

„To Kill A Mockingbird“, Harper Lee, Grand Central Publishing

„Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee erschien im Jahr 1960 unter dem Originaltitel „To Kill A Mockingbird“. Der Roman spielt in den Südstaaten der USA in den dreißiger Jahren und erzählt die Geschichte des Anwalts Atticus Finch und seiner Kinder Scout und Jem. Atticus wird zum Pflichtverteidiger des schwarzen Landarbeiters Tom Robinson berufen, der beschuldigt wird, eine weiße Frau vergewaltigt zu haben. Als Atticus die Verteidigung annimmt, wird er schon bald darauf von seinen rassistischen Nachbarn angefeindet. Auch für seine Kinder werden Ablehnung, Rassismus und Intoleranz zunehmend zum Alltag. Atticus versucht, seinen Kindern trotzdem ein Vorbild zu sein und sie in diesem problematischen Umfeld auf dem Weg zum Erwachsenwerden zu begleiten. Doch in ihrer Kleinstadt leben auch Menschen, die ihren rassistischen Worten Taten folgen lassen…

„Wer die Nachtigall stört“ ist völlig anders als die beiden weiteren Literaturempfehlungen in diesem Artikel und trotzdem denke ich, dass der Roman ebenso sehr eine Warnung ist. Glücklicherweise haben viele Länder mittlerweile ihre offen rassistische Vergangenheit überwunden und bemühen sich um Toleranz und Gleichberechtigung. Doch auch in den heutigen Südstaaten der USA (und in eigentlich allen anderen Staaten auch) denken viele Menschen noch rassistisch, obwohl alle Menschen egal welcher Hautfarbe per Gesetz gleichgestellt sind. Selbst der Staat an sich handelt in zu vielen Fällen immer noch insbesondere gegen die Rechte der schwarzen Bevölkerung. „Wer die Nachtigall stört“ zeigt uns wie es einmal war und dass wir alles dafür tun müssen, nie wieder dorthin zu kommen. Gleichzeitig erinnert es uns daran, dass unsere Aufgabe selbst in Deutschland noch nicht beendet ist. Neben dem Rassismus der Dreißiger, der stark thematisiert wird, handelt der Roman aber auch von Kindheit und Erwachsenwerden und macht die Geschichte so besonders vielfältig.

Ich besitze von diesem Werk sowohl die englische als auch die deutsche Ausgabe und kann die Lektüre in beiden Sprachen sehr empfehlen. Gelesen habe ich „Wer die Nachtigall stört“ mit 14.

1984 von George Orwell

„1984“, George Orwell, Ullstein

1984 von George Orwell erschien im Jahr 1949 unter dem Originaltitel „Nineteen Eighty-Four“. Der Roman erzählt die Geschichte von Winston Smith, einem einfachen Mitglied der „Partei“, im Jahr 1984 in Ozeanien. Ozeanien ist eine von drei Supermächten, die sich permanent miteinander im Krieg befinden (auch, wenn sich die Allianzen immer wieder ändern), dessen politisches System der totalitäre „Englische Sozialismus“, in Neusprech Engsoc, ist. Der Diktator Ozeaniens ist „Der große Bruder“, der mithilfe der Gedankenpolizei und der sogenannten Teleschirme jeden Bürger und jede Bürgerin pausenlos überwacht. Winston selbst arbeitet im Ministerium für Wahrheit und schreibt dort gewissenhaft die Vergangenheit im Sinne der Parteilinie um. Doch in Wahrheit sehnt er sich nach einem Leben in Freiheit und verabscheut das politische System, in dem er leben muss. Während die Partei damit beschäftigt ist, eine neue Sprache, den Neusprech, zu entwickeln, die die Gedanken der Bürger und Bürgerinnen immer weiter einschränken soll, lernt Winston seine Kollegin Julia kennen, die sich wie er dem Überwachungsstaat entziehen möchte. Doch sehr bald muss Winston feststellen wie umfassend die Macht des großen Bruder über ihn wirklich ist.

Vor der Lektüre dieses Romans war es mir ehrlich gesagt ziemlich egal in wie weit der Staat oder große Unternehmen uns überwachen oder bespitzeln, frei nach dem Motto: Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten. Danach habe ich meine Meinung dazu grundlegend verändert. Selbstverständlich sind wir (zum Glück) weit von einem Überwachungsstaat à la Ozeanien entfernt und trotzdem zeigt uns 1984, dass wir auch bei vermeintlichen Kleinigkeiten wachsam bleiben müssen, selbst wenn wir denken, dass wir nichts zu verbergen haben. Nur so können wir unsere Privatsphäre und damit auch unsere Grundrechte langfristig schützen. Ozeanien vereint aber noch viele weitere Aspekte eines totalitären Systems, die wir ebenfalls niemals vergessen sollten, um unsere Demokratie zu beschützen. Besonders interessant ist auch die Macht der Sprache, die in diesem Roman umfassend beleuchtet wird.

1984 ist erschreckend, aufwühlend und vielleicht sogar ein bisschen traumatisierend. Gleichzeitig ist es aber meiner Ansicht nach auch eines der wichtigsten Bücher, die man lesen kann. Getan habe ich das im Alter von 17 (leider erst so spät, lest es auch wenn ihr noch jünger seid!)

Schöne neue Welt von Aldous Huxley

„Schöne Neue Welt“, Aldous Huxley, Fischer

Schöne neue Welt von Aldous Huxley erschien im Jahr 1932 unter dem Originaltitel „Brave New World“. Der Roman spielt im Jahr 2540 bzw. im Jahr 632 A.F, in dem die Menschheit in einem Weltstaat mit einer Weltregierung zusammengefasst wurde. Menschen werden nicht mehr auf natürlichem Wege gezeugt, sondern in Fertilisationsstationen kreiert. Dabei findet auch eine Einteilung in Kasten von Alpha Plus bis Epsilon Minus statt: Vor ihrer „Geburt“ werden die Menschen so verändert, dass sie entweder körperlich und kognitiv besonders hochentwickelt sind, sodass sie einmal Führungspositionen im Weltstaat übernehmen können (Alpha Plus) oder ihre Leistungsfähigkeit wird so sehr eingeschränkt, dass sie nur einfachste Aufgaben übernehmen können (Epsilons). Dazwischen existieren auch entsprechende Abstufungen und die Anzahl der Menschen pro Kaste wird nach gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Anforderungen bestimmt. Wichtig ist, dass jeder Mensch exakt ein solches kognitives Leistungsniveau zugewiesen bekommt, dass er in seiner Kaste zufrieden ist und nicht das Gefühl von Ungerechtigkeit oder den Wunsch nach Aufstieg verspürt. Darüber hinaus findet bei jedem Kind eine Konditionierung statt, bei der ihm die moralischen Vorstellungen und die politische Agenda des Weltstaats indoktriniert wird. Ein Leben geprägt von Konsum und Drogen verspricht vermeintlich jedem Bürger und jeder Bürgerin des Weltstaats das ultimative Glück. Doch wie frei kann man in einem solchen System sein?

Schöne neue Welt ähnelt 1984 und gleichzeitig ist es sein komplettes Gegenteil. Hier herrscht keine Bedrohung, alle Menschen haben gleichermaßen an Glück und Wohlstand teil. Nach unserer Wertevorstellung zahlen sie dafür aber einen hohen Preis. Zwar sind Armut und Krankheit und Elend überwunden, gleichzeitig sind Individualität, Kunst und eine vom System abweichende politische Meinung verboten. Das Totalitäre kann also auch in einer vermeintlichen Utopie stecken. Gerade das macht es meiner Meinung nach hoch spannend.

Gelesen habe ich Schöne Neue Welt mit 17, aber ich denke, dass das Buch prinzipiell jede*r lesen kann, der/die es sich zutraut.

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