Warum wir Feminismus heute noch brauchen

Fe·mi·nis·mus. /Feminísmus/ Substantiv, maskulin [der] [ohne Plural] Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z. B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt.

Es ist der 08. März 2021 und wenn man heutzutage auf das Thema Feminismus aufmerksam machen möchte, treffen einen immer wieder Aussagen wie: „Wir brauchen Feminismus doch gar nicht mehr. Es sind doch alle gleichberechtigt.“ und ein unbeteiligtes Schulterzucken. Wir haben alle die selben Rechte und sollten vom Gesetz ausgehend auch alle gleich behandelt werden. Und für ein paar Menschen mag das auch so sein. Aber ist das auch so? Ich persönlich habe allerdings schon viele Situationen erlebt, in denen ich aufgrund meines Geschlechts anders behandelt wurde und habe deswegen für diesen Artikel Mitschüler:innen und Bekannte gefragt, ob sie mir von Erlebnissen erzählen wollen, in denen sie sich wegen ihres Geschlechtes anders behandelt gefühlt haben. Dies sind die Nachrichten, die ich bekommen habe.

„Menschen werden im Generellen immer wieder darauf reduziert, wie sie aussehen und dann in Schubladen gesteckt. Mädchen müssen nunmal nicht dünn sein, kurze Sachen tragen und per Definition ‚feminine‘ Sachen mögen. Und Jungs müssen auch nicht muskulös, unnahbar sein und per Definition ‚maskuline‘ Sachen mögen. Und wenn du dann nicht in die Schubladen für dein Geschlecht passt, wirst du gleich als „Mannsweib“, „Kampflesbe“, „Mädchen“ oder „Schwul“ bezeichnet.“

„Auch als Junge bekommt man klassische Klischees an den Kopf geworfen. Zum Beispiel das man keine Gefühle zeigen darf und viele Muskeln haben muss. Damit werden viele Jungs unter Druck gesetzt, runtergemacht und wenn nicht, sogar gemobbt.“

„Ich habe mich in einer Kinderkrippe beworben und nach drei Monaten eine Antwort bekommen. Die Antwort war, dass sie sich nicht sicher seien und ein sehr großes Bedenken haben. Das Bedenken sei das, dass ich ein Mann bin. Sie möchten mich trotz dieser Bedenken bei einem Vorstellungsgespräch kennenlernen.“

„Ich wurde ganz oft blöd angeschaut, weil ich als Mädchen Posaune gespielt habe. Es kamen auch oft Sprüche, dass das Instrument nur was für Jungs sei. Oder auch, wenn ich anderen erzähle, dass ich bei der freiwilligen Feuerwehr bin.“

„Situation: Im Unterricht kommt der Schulleiter rein und meint: „Ich brauch mal 5 bis 6 starke Jungs, um ein paar Tische und stühle von oben herunter zu tragen.“ Auf der Berufsschule passiert genau das gleiche, nur von der Abteilungsleiterin ausgehend. Als wären Frauen/Mädchen grundsätzlich nicht dazu in der Lage.“

„In meinem Praktikum in der Krippe durfte ein Junge keinen rosa Handabdruck machen, obwohl er das gerne wollte.Als ich eine Geburtstagskrone basteln sollte, wurde nur gesagt: „Nimm kein rosa, er ist ein Junge.“Ich sollte mit den Kindern Weihnschtskugeln basteln. Ein Mädchen hat grün und rot vermischt, sodass es braun wurde, aber sie hat sich gefreut. Ich sollte das sofort abwaschen und die Fachkraft hat das dann übernommen mit den Worten: „Guck mal rosa, eine schöne Mädchenfarbe“. Mich macht das wütend, dass man schon Kinder unter 3 in eine Rolle hinein zwängt.“

„Wenn man als Mädchen bisschen Ausschnitt oder so zeigt und dann gesagt bekommt: „Mach das nicht, Jungs werden davon abgelenkt und können sich nicht kontrollieren.“ Erzieht die Jungs einfach, ich meine, wir mädchen klagen auch nicht davon, dass wir abgelenkt sind oder was weiß ich, nur weil die ihren Bauch beim Pulli ausziehen präsentieren.“

„Zwei Freundinnen und mir (ebenfalls weiblich) wurde sehr auffällig und eklig von einem älteren Mann auf unseren Hintern gestarrt, als wir vom Baden im See nach dem Schulsport an der Promeda langgegangen waren. Ich hab ihm dann den Mittelfinger gezeigt.“

„In vielen Parkhäusern sind Frauen Parkplätze, die direkt vorne sind, damit sich Frauen sicherer fühlen. Das hat mich zum Nachdenken gebracht und es ist traurig, dass es sowas geben muss. Zu dem wurde ich auf der Straße vor gut einem Jahr von einem Mann angesprochen, der mir so nah auf die Pelle gerückt ist, dass ich seit dem teilweise Angst habe, alleine raus zu gehen.“

„Bei mir gibt es drei Situationen, die mir spontan einfallen: 1. Wenn in irgendeiner Konversation irgendwie zur Sprache kommt, dass ich Veganerin bin, kommen Kommentare wie: „Aber du weißt schon, darauf steht kein Mann.“ oder „Aber für dein späteres Kind ist das ja nicht so gut.“. 2. Wenn ich erzähle, dass ich mich bei der Polizei für eine Ausbildung beworben habe, bekomme ich meistens zu hören, das sei ja kein „Frauenberuf“ und ich solle das doch besser unterlassen. 3. Als ich vor ein paar Tagen einen männlichen Bekannten fragte, ob er mir Zigaretten kaufen kann, kam so ein richtig widerliches „Was springt denn für mich dabei raus?“ zurück und als ich anbot, ich könne ihm das doppelte vom Preis für die Zigaretten geben, meinte er, das Geld sei ihm der „Aufwand“ nicht wert und er wolle „Etwas anderes, wenn du weißt, was ich meine…“ Ich habe daraufhin direkt den Kontakt abgebrochen und ihn blockiert.“

„Man merkt generell recht oft dass Feminismus noch gebraucht wird, weil einem zum Beispiel erzählt wird, wer was zu tragen hat, Jungs werden teilweise verurteilt weil sie sich schminken, Kleider tragen oder so. Oder wenn Kindern teilweise von klein auf gesagt wird, dass nur Jungs Fußball spielen und Mädchen nur mit Puppen spielen. Sätze wie ,,Frauen sind Objekte“ ,,Weiber gehören in die Küche“ sind nun mal auch keine Seltenheit.“

„Letztens nach der Schule. Ein Junge geht vor mir in den Bus, nichts passiert. Ich gehe in den Bus und sage Hallo. Der Busfahrer daraufhin: „Lächeln geht auch, junge Dame.“ Ich hatte eine Maske auf, weshalb ich bezweifle, ob mein Lächeln ihn tatsächlich so bereichert hätte.“

„Ein perfektes Beispiel für Geschlechterungleichheit oder Sexualisierung von Mädchen: Auf Tik Tok zieht sich ein Mädchen so an, wie sie sich wohl fühlt und tanzt und so weiter.Ein Typ macht ein Duett und sagt: ,,Ihr Frauen wollt nicht wie Objekte gesehen werden, aber macht dann so ein Scheiß.“Ebenfalls typische Haltung in der Gesellschaft: Frauen müssen sich rasieren, Männer nicht unbedingt, weil es auch attraktiv sein kann.“

„Wenn ein Mädchen es mag, zu zocken, muss sie sich immer wieder unter Beweis stellen, weil sonst jede*r annimmt, dass sie damit nur Jungs imponieren will. Genauso ist das auch bei verschiedenen Fandoms oder Bands. Wenn du als Mädchen nicht gefühlt jeden Film/jedes Lied aufsagen kannst, bist du kein richtiger Fan.“

„Vor ungefähr einem Jahr war ich (männlich) mit zwei Freundinnen in einem Kleidergeschäft und wir haben zusammen Kleidung für die beiden gesucht. Als sie dann die Sachen anprobiert haben, wurde ich von der Verkäuferin gefragt, ob ich denn schwul sei.“

„Mein Exfreund hielt mich für dumm und unmündig, weil ich jünger und weiblich bin. Außerdem machte er mich fast täglich dafür nieder wie ich meine Jungfräulichkeit verloren hatte, da er ursprünglich „eine haben will, die noch Jungfrau ist“.“

„Mein Vater zwang mich dazu Acrylnägel zu tragen, da „Mädchen schöne Nägel haben“ und er verbot mir, dass ich mir kurze Haare schneiden lasse, weil „hübsche Mädchen lange Haare haben“.“

„Vor ungefähr zwei Jahren wurden meine Begleitung (männlich) und ich (weiblich) auf dem Weihnachtsmarkt von einer Gruppe fremder Männer gefragt, ob wir zusammen seien. Als wir das nicht beantwortet hatten, wurden wir dann gefragt, was wir denn später mal machen wollen. Ich hab gesagt, dass ich mir noch nicht sicher bin, aber gerne was in Richtung Medizin machen würde. Daraufhin wurde mir dann erklärt, dass ich aufgrund meiner kleinen Körpergröße (163 cm) nicht Ernst genommen werden könne und dass das medizinische Feld sowieso eher weniger was für Frauen sei.“

„Mein Opa hat mir mal gesagt, als ich erzählt habe, dass ich studieren will, dass ich doch lieber eine Hauswirtschaftslehre machen und gut kochen lernen solle. Liebe gehe ja bekanntlich durch den Magen. Das sollte vielleicht als Witz verstanden werden, doch darüber lachen konnte ich nicht. Generell habe ich das Gefühl weniger ernst genommen zu werden, wenn ich zum Beispiel ein Schild geschenkt bekomme, das mich als Fahranfängerin beschreibt, man das für meinen Bruder jedoch nicht für notwendig hält. Auch wird von mir erwartet immer ordentlich zu sein und einfarbig kleiden sollte ich mich auch nicht, da ich ja sonst als „graue Maus“ gelten könne. Stattdessen solle ich „Farbe bekennen“, vorzugsweise mitstereotypisch weibliche Farbtönen. Ähnlich sieht auch mein Kinder-/Jugendzimmer aus, dessen Wände seit meiner Kindheit fast ausschließlich rosa, pink und lila waren. Zurückblickend frage ich mich, ob das wirklich mein Geschmack war oder es viel eher mit meiner Erziehung als Mädchen etwas zu tun hat.“

Vielen Dank an Alle, die mitgemacht haben!

Gretchen Rupf, 18 Jahre, Q2a

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