Professor Dr. Eckart Woertz ist Direktor des Giga-Institutes für Nahostwissenschaften. Er lebte in verschiedenen nahöstlichen  Ländern und studierte Politikwissenschaften, Wirtschaft und Arabisch. Aktuell beschäftigt er sich vor allem mit  der Golfregion und dem Irak. Er hält die Überidentifizierung mit beiden Seiten, den Palästinensern und den Israelis, für gefährlich. 

 StG-SZ:

Professor Woertz, nach den Angriffen auf Israel am 7. Oktober 2023 von der Hamas schlug Israel stark zurück.  Manche bezeichnen es als eine Extremdefensive. Diese krassen Gegenstrategien, sind sie zielführend für den  Krieg und für ein friedvolles Ende? Welches Land möchte Israel nun überhaupt? 

E. W:

Nun, den Gaza Streifen z. B. möchten die Israelis nicht als ihr eigenes Land haben, von diesem haben sie sich ja  zurückgezogen. Die Lage ist anders als in der Westbank, wo die israelischen  Rechten das Land im Endeffekt  annektieren möchten und ja auch nie von den besetzten Gebieten sprechen, sondern von Judäa und Samaria. Nur die  wirklich extremen, rechten Hardliner wollen den Gaza-Streifen zu Israel zählen. 

 StG-SZ:

Was halten Sie von der Behauptung, dass die israelische Regierung den 7. Oktober als eine Art ‘‘Vorwand‘‘ benutzt hat, um nun so extrem in den Gegenangriff zu gehen? Weshalb taten sie dies? 

E. W:

Die Angriffe wurden selbstverständlich nicht von Israel geplant, sie wussten nichts davon. Außerdem darf man  das Trauma hinter dem 7. Oktober nicht unterschätzen. Das war einfach ein Pogrom wie zu den schlimmsten Zeiten in Europa. Und es gibt ja, trotz der starken Zerklüftung der israelischen Gesellschaft, wie man ja gesehen hat, die Einigkeit, dass man hart zurückschlägt. Es sind über 80%, die ein hartes Vorgehen gegenüber Hamas fordern 

Politisch und in der international-öffentlichen Meinung verliert Israel den Konflikt gerade. Praktisch sind sie durchaus erfolgreich. Aber ist ja die  Frage, sie haben relativ wenig gute Optionen, sie müssen natürlich auf die Hamas militärisch reagieren, auch härter als früher. 

Etwas anderes können sie der eigenen Bevölkerung nicht verkaufen. 

Es gibt ja auch in Israel selbst knapp 200.000 Israelis, die nun nicht in ihre Häuser zurückkehren können. Das  heißt, da muss die Regierung nun Sicherheit wiederherstellen, für die eigene Bevölkerung, und  um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Andererseits müssen sie die Abschreckung wiederherstellen. 

 StG-SZ:

Warum, denken Sie, ist vor allem dieser Konflikt im Nahen Osten so präsent in den Medien, im Gegensatz zu  anderen in der Region? Kann es daran liegen, dass wir vor allem durch unsere Vergangenheit als Deutsche  entweder mit dem palästinensischen Volk oder dem israelischen sympathisieren und überhaupt nur deswegen  einen Blick auf das Land werfen?  

E. W:

Ja, natürlich. Der Konflikt war schon vor dem 7. Oktober relativ schwierig  um vor allem halbwegs  vernünftige Diskussionen zu führen, sei es in der arabischen Welt, in Deutschland oder in den USA, jeweils aus  unterschiedlichen Gründen.  

Da schlagen dann die Emotionen sofort sehr hoch. In Deutschland spielt die Vergangenheit eine Rolle, das kann zu einer sehr unkritischen Überidentifikation führen.  Man sieht es daran, dass da teilweise von offiziellen Politikern schon Blankoschecks ausgestellt werden und jegliche Kritik  irgendwie gleich als Antisemitismus abgebügelt wird, teils in sehr provinzieller Form. 

Auf der anderen Seite gibt es aber sicherlich diesen sekundären Antisemitismus. 

Wie bereits der israelische Psychiater Zwi Rix sagte: ‘’Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen‘‘. Durch dieses ‘‘schlechte Gewissen‘‘ kommen dann schnell Dinge auf wie ‘‘Ach, die Israelis sind wie die  Nazis‘‘, dann geht es besser.  

Stereotypen durch Allgemeinzustände bezogen auf den Staat Israel gibt es definitiv. Auf der einen Seite gibt es  die angesprochene Überidentifikation, auf der anderen Seite haben sie schon sekundären Antisemitismus, der der sich gegen die Menschen Israels richtet.

Oft sind das Leuten, häufiger von rechten Seiten, denen die Menschenrechte normalerweise recht egal sind, aber dann in dem Fall eben hier die Palästinenser scheinheilig verteidigen zu  versuchen. 

Das Thema ist ein Minenfeld. Die ganzen Diskussionen sind meistens sehr ritualisierte Austausche. 

 StG-SZ:

Denken Sie, dass diese Art Antisemitismus auch bei Jugendlichen ansteigen wird? Ohne die Taten beider Seiten  abzusprechen, der Austausch ist oft sehr einseitig, vor allem dadurch, dass es Gerüchte gibt, wie dass Israel Arbeitslager für Palästinenser hat.  

E. W:

Arbeitslager gibt es nicht, jedoch werden palästinensische Bürger verhaftet. Generalisierung ist nicht hilfreich, aber speziell im Fall von Israel ist da auch zum Teil schon ein innerer Drang  da. 

Wie bereits erwähnt, die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen. Deswegen ist die Gefahr des  Antisemitismus, als Folge des gegenwärtigen Gaza-Krieges, hoch.  Aber auch anti-muslimischer Rassismus und Ausländerfeindlichkeit könnten steigen.

 StG-SZ:

Herzlichen Dank für dieses Gespräch, Professor Woertz.

  Interviewführung: Antonia Boda (30-3-2024)

Von Antonia Boda

„how ever far away I will always love you“

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