Fluch der Vampire (Teil 3)

Der eisige Wind wehte mir entgegen und vor mir lag das düstere Land der Vampire. Am Wegesrand standen Grabsteine und der Weg, auf dem wir gingen, war merkwürdig klebrig. Vor uns ragte ein riesiger Felsen in die Höhe und darauf trohnte eine dunkle Burg. Die Burg besaß keine Zugbrücke und auch den Eingang konnte ich nicht finden. Da erblickte ich eine Fackel, die einen winzigen Lichtpunkt in das Dunkel brachte. Sie markierte den Eingang zu einer Gruft. Geistoriz zog Geistoria und mich zu der Fackel und drückte eine morsche Holztür auf. Uns strömte kühle Luft entgegen und es roch modrig. Die kahlen Steinwände waren feucht. Überall standen Grabsteine.

Wir schlengelten uns durch die Gruft und gelangten in einen schmalen Gang. Der Gang verzweigte sich immer weiter und wir mussten zusehen, dass wir uns nicht verliefen. Geistoria hatte einige Furzelwurzelplätzchen eingesteckt und ließ diese an jeder Weggabelung fallen. Gerade wollte Geistoria wieder nach einem Plätzchen greifen, als ihr auffiel, dass diese leer waren. „Und nun?“, fragte ich und sah mich um. „Ich…“, Geistoritz räusperte sich und zog eine große Schachtel Blutorangeneis hervor. „Ich hatte meinen Liebling eigentlich als Proviant gedacht, aber vielleicht können wir Eiskugeln formen und diese ablegen.“ Geistoria sah ihn kritisch an und meinte: „Eis?! Das funktioniert doch nicht!“ „Dann schlag du etwas Besseres vor“, maulte Geistoritz. „Ich…ich“, Geistorias Augen begannen zu leuchten. „Wir haben das Labyrinth durchquert. Dort ist die Leiter, die in das Schloss der Vampire führt.“ Jetzt sah ich es auch. In einer schmalen Gasse links von uns sah man eine Treppe. Die Stufen sahen unbenutzt aus und waren dennoch marode. Geistoritz sah meinen fragenden Blick und erklärte: „Vampire können fliegen!“ Er selbst sprang einmal hoch und flog an der Leiter empor. Oben befand sich eine Luke, die er einen Spalt weit öffnete. „DIe Luft ist rein“, wisperte er und winkte uns hoch. Dann verschwand er aus meinem Blickfeld. Geistoria tat es ihm gleich und nun stand ich alleine in einer dunklen Gruft. Dort, wo jederzeit ein Vampire lang flattern könnte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und ergriff die erste Sprosse der Leiter. Eilig kletterte ich hinauf. Ich fasste den Eisenring, der zum öffnen der Luke diente. Auf einmal brach die Stufe, auf der ich stand, auseinander. Unkontrolliert strampelte ich mit den Beinen und versuchte die Leiter zu packen. Diese wackelte bedrohlich und kippte um. Die Steinwände erschütterten und ich konnte mich kaum noch am Eisenring fest klammern. In diesem Moment wurde die Klappe aufgezogen und ich konnte Geistorias Kopf erkennen. „Wie lange brauchst d…oh“, Geistoria sah mich kurz an und packte dann meine Hand. Sie zog mich hoch und ich stand in einem langem Flur. Der Boden war verrust und vor den Fenstern hingen schwere Samtvorhänge, die das Licht daran hinderten hinein zu kommen. Über der Luke stand eine Komode, an der ich mir sogleich den Kopf stieß. Plötzlich kamen zwei Vampire geflogen und Geistoritz zog Geistoria und mich hinter einen der Vorhänge. „Beeile dich!“, sagte der eine Vampir. „Dracula möchte ein paar Bitterkekse!“ „Ja, aber ich sollte doch sein Schlafgemach verdrecken“, verteidigte sich der andere. „Was Dracula will, das kriegt er auch“, meinte der Erste altklug. „Schon gut“, gab der andere nach und die Vampire verschwanden hinter der nächsten Ecke. Wir traten wieder hinter dem Samtvorhang hervor und Geistoria sagte überzeugt: „Dracula, jetzt bist du dran!“ Sie schleppte uns den Flur entlang und ließ uns erst vor einer sehr großen Tür wieder los. „Der Thronsaal hat immer die größte Tür“, meinte sie. Geistoritz und ich sahen uns zweifelnd an, doch da war Geistoria schon in dem Raum verschwunden. Schnell folgte Geistoritz ihr, mit mir im Schlepptau! Wir standen in einem großem Saal, indem ein Thron stand. Darauf saß Dracula und ließ sich verwöhnen. Ehe ich mich weiter umsehen konnte, brüllte ein Vampir: „Angriff! Wir werden angegriffen! Feuern! Feuert die Staubblitze!“ Die Vampire begannen zu schnipsen und aus ihren Fingern flogen dunkle Blitze, die berühmt, berüchtigten Staubblitze! Wir mussten uns ducken und gleichzeitig springen. Ich schnappte mir einen Kerzenhalter ohne Kerzen und warf ihn in die Vampirmenge. Ein Vampir zuckte schmerzhaft zusammen, doch ein anderer fing den Kerzenhalter und ließ ihn achtlos fallen. Die Vampire feuerten eine weitere Ladung Staubblitze auf uns, als ich Geistoritz auf der Ampore entdeckte. In Zeichensprache teilte er mir mit, dass ich einfach weiter machen sollte. Bevor ich überlegen konnte, was Geistoritz vorhatte, prasselte ein Blitzeregen auf mich hinunter. Schnell war Geistoria zur Stelle und schoss grüne Glibberbälle auf die Vampire. Ich wand mich um und rannte auf Dracula zu. Ich wusste nicht was in mich gefahren, doch ich wollte nicht das Geister und Vampire sich wieder bekriegten. Graf Dracula saß reglos auf seinem Thron und lächelte mich an. Misstrauisch sah ich ihn an und er lispelte: „Kommsch dosch näher.“ „Pass auf“, hörte ich Geistoritz Stimme plötzlich. „Er will dich zerfetzen!“ „Verdammt! Stimmt!“, rief ich und schlug mir an die Stirn. „Rescht hascht du!“, nuschelte Dracula und hielt mir seine knochigen Finger an die Kehle. „Nein!“, schrie ich. „Hilfe!“ „Du bischt meinsch“, zischte Graf Dracula und leckte sich genüsslich über die Lippen. Graf Dracula kam mir bedrohlich nahe und meine Knie wurden butterweich. Hilflos sah ich mich nach Geistoria um und erspähte eine orangene Kugel, die mit hoher Geschwindigkeit auf Dracula und mich zu sauste. Dracula sah die Kugel verwirrt an. In diesem Moment klatschte ihm die Kugel mit voller Wucht ins Gesicht. Die klebrige Masse zerlief in seinem Gesicht und er wischte sie verzweifelt weg. Ich nutzte den Moment und flüchtete. Ich gab mir größte Mühe nicht aufzufallen, doch alle Augen waren sowieso auf Dracula gerichtet. Dieser leckte sich die Masse aus dem Gesicht und schmatzte: „Wasch isch dasch?“ „Das…“, sagte Geistoritz, der plötzlich aufgetaucht war. „Das ist Blutorangeneis.“ „Bitte wusch“, schmatzte Dracula. „Eis“, erklärte Geistoritz. „Eine kalte Masse aus Milch und Früchten.“ „Dasch ischt lecker!“, rief Dracula verblüfft. Ich schluckte und erkundigte mich bei Geistoria: „Ist das ein Trick?“ „Ich… keine Ahnung“, stammelte Geistoria. Einige mutige Vampire liefen nun zu Dracula und musterten Draculas verschmiertes Gesicht. „Suscht eusch wasch eigenesch“, nuschelte Dracula und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. Geistoritz runzelte nun die Stirn und feuerte drei weitere Eiskugel in die Menge. Sofort wirbelten die Vampire in die Luft und stritten sich um die Kugeln. Schließlich schnappten sich drei Vampire das Eis und verdrückten es mit einem Happen. Geistoria packte meine Hand und zog mich zu einer schmalen Treppe. Geistoria schwebte einfach hoch und ich wurde hinterher gezogen. „Wo willst du hin?“, wollte ich wissen und hatte größte Mühe, mich nicht zu übergeben. In diesem Moment sah ich Geistoritz und fand mich sogleich auf dem Empore wieder. „Geistoria, Paul, da seid ihr ja“, rief er. Ich sah mich um. Die gesamte Empore war mit schwarzem Samt ausgekleidet. An den Wänden hingen schwarze Stoffbahnen in die feine goldene Fäden eingenäht waren. Dazwischen standen neun schwarze Ledersessel. Auf kleinen Metallplättchen, die vor den Sesseln in den Boden eingelassen waren, waren Namen eingraviert. Geistoritz schwebte auf einen Sessel weiter links und winkte Geistoria und mich heran. Wir setzten uns und ich staunte: „Grandiose Aussicht!“ Ich warf einen neugierigen Blick auf die Vampire. Diese warfen sich auf eine große Schachtel. Es war Geistoritz Eis. „Das arme Eis“, seufzte Geistoritz als hätte er meine Gedanken gelesen. „Dracula!“, rief Geistoria. Dracula wirbelte herum und sah zu uns herauf. „Deine Vampire und du können täglich in diesen Genuss kommen. Im Land der Hexen ist es dunkel genug und die Orangen wachsen dort dennoch.“ „Wirklich?“, fragte Dracula. „Du musst nur versprechen, dass du und deine Vampire keine Menschen oder Tiere mehr jagt!“ „Wer möchte schon Blut“, Dracula sah zu uns hinauf. „Wobei ohne Blut können wir nicht leben.“ „Aber mit Blutorangeneis schon“, Geistoritz lächelte verschmitzt. „Ich wusste gar nicht, dass das so lecker ist!“, fügte ein kleiner Vampire hinzu und schob sich eine Handvoll Eis in den Mund. Er schluckte und leckte genüsslich seine Hände ab. „Okay“, sagte Dracula. „Wir schwören es. Wir werden es uns selber verbieten. Menschen und Tiere töten oder Blut trinken soll verboten werden.“ Dracula klatschte zweimal in die Hände und ein Vorhang wurde zur Seite geschoben. Ein Vampir kam mit einem Samtkissen hinein. Darauf lag ein Rosenquarz. Wenn man genauer hinsah, konnte man einen schwarzen, kugelförmigen Stein erkennen, der sich im Inneren des Rosenquartzes befand. Der Vampir legte ihn in die Mitte des Saales auf einen Tisch. Die Vampire versammelten sich und stellten sich kreisförmig um den Tisch auf. Selbst Dracula kam dazu. Die Vampire reichten sich die Hände und sprachen einen ziemlich langen Schwur aus. Als sie fertig waren, kam Dracula auf uns zu: „Danke! Danke, dass ihr mich von diesem Blutorangeneis überzeugt habt.“ „Nichts lieber als das“, Geistoria lächelte und sah zu den Vampiren hinüber, die sich eifrig über das Eis hermachten. In diesem Moment schlug die Turmuhr der Vampirkirche fünf mal. „Ich muss nach Hause“, rief ich aufgeregt. „In zwanzig Minuten steht meine Mutter auf.“ „Oh nein“, Geistoria packte mich und gemeinsam mit Geistoritz schwebten wir über die Flure. Auch Dracula kam mit. Er hatte gemeint: „Kommt mit! Der Weg über den Turm ist kürzer.“ Dort angekommen, stieß Geistoritz sich kraftvoll vom Boden ab und sauste in die Luft. Geistoria tat es ihm gleich. Wir winkten Dracula zu, bis wir den Vampir Graf nicht mehr sehen konnten. Geistoria stieß einen Jubelschrei aus und flog einen Looping. „Wow, ist das schnell!“, schrie ich. Da kam unsere Burg in sich. Wir landeten im Burghof. Plötzlich hörte man einen schrillen Ton. „Das ist der Wecker meiner Mutter“, ich verabschiedete mich von Geistoria und Geistoritz und versprach ihnen in der nächsten Nacht wiederzukommen und außerdem dafür zu sorgen, dass sie weiter im großen Ballsaal wohnen konnten. Gerade als meine Mutter ins Zimmer kam, schlüpfte ich unter die Decke. Sie ließ sich tatsächlich überreden, den Geistern den Ballsaal zu überlassen, ohne dass sie von diesen wusste. Fünf Minuten später war meine Mutter wieder weg und ich schlief mit einem zufriedendem Grinsen ein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.