Ist das noch Schülervertretung oder schon Revolution?

Ein Gespenst geht um an deutschen Schulen – das Gespenst der Schülervertretung. Alle Mächte der Schulleitung haben sich zu einer Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet. Wo ist die SV, die nicht von ihrer Schulleitung als zu fordernd und wirklichkeitsfremd verschrien worden wär?

Vielleicht würde so heute das Manifest der Schülervertretungen beginnen. Nicht, dass die Ideen der Schülervertretungen in eine so destruktive Politik umschlagen könnten wie es die Ideen von Marx und Engels, die sie 1848 in dieser Form veröffentlichten, taten, jedoch wäre zumindest eine ähnliche öffentliche Wahrnehmung wünschenswert.

Denn die Schülervertreter haben allen Grund zum Frust. Noch immer werden den Schülervertretungen aller Schulen, aber auch auf Landes- und Bundesebene viel zu wenig Mitbestimmungsrechte eingeräumt. Die Tatsache, dass die Rechte einer SV meistens unter dem Begriff „Mitspracherecht“ vereint werden, fasst das Problem im Kern auch schon ganz treffend zusammen. „Süßigkeitenorgane“ nennen wir uns manchmal zynisch-scherzhaft selbst, Kugelschreiber und Flyer verteilen, das dürfen wir, sollen wir.

„Wenn der Schulleiter sagt, wir werden uns zu einer Thematik noch einmal an einen runden Tisch setzen, dann bedeutet das nicht mehr, als dass der Tisch rund ist.“

Das sagte mir einmal ein frustrierter Schülervertreter, nachdem die Forderungen der SV auf einer Schulkonferenz mal wieder als unverhältnismäßig abgetan worden waren. „Mitspracherecht“ bedeutet für die allermeisten Schulleitungen nämlich leider, dass der Schulleiter spricht und die SV mit am Tisch sitzt. Natürlich können wir Dinge fordern, aber an eine Umsetzung glauben bei uns nur diejenigen, die neu in der SV und sehr idealistisch sind. Besser wird das übrigens auch nicht, wenn man die SV zum Ende eines jeden Schuljahres einmal in den Himmel lobt. Was wir wollen, ist ein echtes Mitbestimmungsrecht, das nicht sofort durch das Veto des Schulleiters passé ist.

Selbst auf Bundesebene interessiert man sich nicht für die gewählten Vertreter der Schüler Deutschlands. Vier mal luden die Landesschülervertreter Bildungsministerin Anja Karliczek zur Bundesschülerkonferenz ein, sie erschien nicht ein einziges Mal, Nachfragen blieben oft ohne Reaktion. Dieses Verhalten ist exemplarisch für die geringe Wertschätzung, die Schülervertreter überall in Deutschland erfahren. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass diese Arbeit sehr deprimierend sein kann und man eine hohe Frustrationstoleranz benötigt. Verwunderlich ist dabei auch, dass an allen Schulen demokratische Grundwerte gelehrt werden, Schüler das System Schule und insbesondere Schulgestaltung jedoch als autoritäres Regime erleben müssen. Das sogenannte Mitspracherecht legt Zeugnis ab über die Scheinsouveränität der SV.

Missen möchte man die Arbeit der Schülervertretungen von Seiten der Schulleitung jedoch auf keinen Fall. Wer würde denn sonst das Derby organisieren, das Orientierungsstufenfasching? Und wer repräsentiert unsere Schule eigentlich in Bad Segeberg? Lästige Aufgaben hat man an uns „outgesourced“, Unwichtiges gesteht man uns gerne zu. Natürlich würde man das aber offiziell nie so sagen, denn selbstverständlich leistet die SV damit einen wichtigen Beitrag zu einem bunten und aktiven Schulalltag. Wir können es nicht mehr hören.

Doch natürlich gibt es für all diese Klagen auch einen Stein des Anstoßes. Im vergangenen Monat setzte sich die Schülervertretung des Städtischen Gymnasiums auf der Schulkonferenz für die Wiederbeschaffung des Wasserkochers ein. Es ging nicht etwa um hohe Summen, teure Anschaffungen oder unrealistische Schülerwünsche. Die Abschaffung des Wasserkochers hat den Schulalltag einer großen Anzahl von Schüler massiv verschlechtert. Allein in den vergangenen Wochen wurde ich fast jede Mittagspause Zeugin wie Schüler ihre eigenen Wasserkocher in die Schule mitbrachten oder gar ihre Fünf-Minuten-Terrinen roh aßen. Selbstverständlich gibt es keine logischen Gründe für die Abschaffung des Wasserkochers, der von Seiten der Schüler stets pfleglich behandelt wurde, und der, ohne großen Kosten oder Materialaufwand zu verursachen, jahrelang eine echte Verbesserung der Mittagessenssituation in unserer Schule darstellte. Auf unsere Forderung, diesen unproblematischen Wasserkocher doch einfach wieder für die Schüler frei zugänglich zu machen, da die Abschaffung viele Schüler sehr beschäftige, ließ die Schulleitung lediglich verlauten, wir Schüler sollten uns unser „Anspruchsdenken“ abgewöhnen. Ein Recht auf Ansprüche haben wir also selbstverständlich nicht: weder auf einen Wasserkocher noch auf echte Mitbestimmung. Am Ende einigte man sich auf einen „runden Tisch“. Was das bedeutet, wissen wir ja bereits.

Für uns ist es Schülervertretung. Das Recht auf Mitbestimmung als Vertreter mündiger Individuen. Aber jede Forderung, die über mehr Flyer zum Verteilen hinausgeht, betrachtet man an vielen Schulen als revolutionären Akt, den es im Keim zu ersticken gilt. Wie soll man bei Schülern ein echtes Demokratiebewusstsein erzeugen, wenn sie zwar wählen dürfen, wer sie vertritt, aber schon bei diesen Wahlen angemerkt werden muss wie unrealistisch die Umsetzung der genannten Ziele in Wirklichkeit ist?

Und in der Schulleitung fragt man verwundert nach: „Darf sie das? Muss das sein?“ – ich sage: „Offensichtlich schon.“

Ist das noch Schülervertretung oder schon Revolution?

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